Liza öffnete die Diers Klinik, um gleichgesinnten Frauen zu helfen

Für viele Frauen und Paare kommt irgendwann der Zeitpunkt, wo man sich Kinder und Familie wünscht. Dies war auch für Liza und ihre Frau der Fall. Damals gab es in Dänemark aber viele Hindernisse, bevor dieser Traum Realität werden konnte. Hier erzählt Liza über ihre Reise zum Familienglück und wie sich das System in Dänemark über die Jahre gewandelt hat.
 
Erst war es illegal lesbische Frauen zu behandeln
Im Jahr 2006, als ich und meine Partnerin Lise eine Familie gründen wollten, war dies in Dänemark bei weitem nicht so einfach, wie heute. Damals durften die Ärzte uns nicht helfen, weil es illegal war ein lesbisches Paar zu behandeln.
 
Trotzdem gelang es mir mit einem Frauenarzt in Kontakt zu treten, der so freundlich war uns zu unterstützen. Wir haben bei ihm die Behandlung begonnen, aber durften niemandem etwas davon erzählen. Das bedeutete auch, dass wir nur außerhalb der geregelten Öffnungszeiten kommen durften und am liebsten die Hintertür verwenden sollten. Es war deutlich, dass er sich über die Konsequenzen Sorgen machte, die auf ihn zukommen könnten, weil er einem lesbischen Paar dabei hilft ein Kind zu bekommen. Als Gynäkologe oder Arzt war es zu dem Zeitpunkt nicht erlaubt Frauen zu behandeln, die in einer lesbischen Beziehung lebten. Er machte uns aber darauf aufmerksam, dass das dänische Gesetz nicht besagte, inwieweit eine Hebamme die Behandlung durchführen dürfte oder nicht.
 
Unsere eigenen Erlebnisse mit diesen Begrenzungen führten dann dazu, dass ich als Hebamme im Jahr 2006 meine eigene Kinderwunschklinik eröffnete, um anderen Paaren in derselben Situation helfen zu können.
 
Es war fast unmöglich als (Co-)Mutter anerkannt zu werden
Es dauerte nicht lange bis meine Frau Lise mit unserem ältesten Kind schwanger war. Als unsere Tochter geboren wurde, wartete die nächste Begrenzung auf uns. Und zwar, dass unsere Tochter unsere war. Damals war es in Dänemark so, wie es leider heute immer noch in Deutschland der Fall ist, und zwar bedeutete dies, dass man nicht automatisch als Co-Mutter registriert werden konnte. Das bedeutete für uns, dass wir eine Stiefkindadoption durchführen mussten. Damit dies möglich war, musste man als Paar u.a. verheiratet sein und eine gewisse Anzahl an Jahren zusammengelebt haben. Zum Glück erfüllten wir diese Bedingungen.
 
Nach der Geburt wollten wir natürlich schnellstmöglich alles angehen, damit ich als juristischer Elternteil registriert werden konnte, aber allein die Wartezeit bzgl. dem Beginn der Sachbearbeitung betrug 5-6 Monate. Für uns bedeutete dies, dass wir ein halbes Jahr lang nur warten und darauf hoffen konnten, dass unserer Tochter oder uns nichts geschehen würde, denn ich war nicht offiziell ihre Mutter und damit hatte ich keinerlei Rechte. Auf dem Papier war unsere Tochter einzig und allein Lises Tochter.
 
Die Sachbearbeitung war dann auch ein sehr unangenehmes Erlebnis. Weil Lise unsere Tochter auf die Welt gebracht hatte, musste sie allein, ohne mein Anwesen, verhört werden. Das Verhör war dazu da, um festzustellen, ob Lise aus freiem Willen mich als Co-Mutter wünschte oder ob es sich um eine Form von Erpressung handelte, wo ich Lise Geld dafür gegeben hätte.
 
Zwei Jahre später, im Jahr 2009, bekamen wir unseren Sohn. Hier fing das ganze nochmal von vorne an, dieses Mal aber umgekehrt, weil ich unseren Sohn auf die Welt gebracht hatte. Obwohl 2 Jahre vergangen waren, war es bei weitem noch nicht Alltag, dass zwei Frauen zusammen ein Kind bekommen und ich musste daher dieses Mal erklären, dass ich mir Lise als Co-Mutter wünschte.
 
Sozialer Einfluss und Sorgen
Bevor wir uns dafür entschieden haben, Kinder mit Hilfe eines Samenspenders zu bekommen, hatten wir unterschiedliche Sorgen, die insbesondere durch unser Umfeld entstanden sind. Besonders eine Sorge wurde immer wieder angesprochen, und zwar der Gedanke, dass ein Kind das Recht haben sollte seinen Vater und seine biologische Herkunft zu kennen. Die Sorge bezog sich auch darauf, dass dem Kind etwas fehlen würde, und zwar ein männliches Vorbild, welches wiederum einen negativen Einfluss auf die Entwicklung des Kindes haben würde.
 
Heute können wir sehen, dass es eher darum ging, dass wir die ersten in unserem Freundeskreis waren, die als lesbisches Paar Kinder bekommen haben. Wir hatten also niemanden um uns herum, wo wir unsere Familienkonstellation wiedererkennen konnten und womit wir sehen konnten, dass der „fehlende“ Vater kein Problem darstellen würde.
 
Aufgrund dieser Sorgen haben wir aber überlegt zusammen mit einem befreundeten Paar Kinder zu bekommen. Je mehr wir allerdings über die Details und dem zukünftigen Familienleben gesprochen haben, umso deutlicher wurde uns, dass dies nicht die richtige Lösung für uns wäre, und wir haben uns deshalb dann doch für einen Samenspender entschieden.
 
Wir haben damals mit einem unserer Freunde verabredet, dass er bei Bedarf als eine Art Ersatz-Papa für unsere Kinder da sein würde, damit sie ein „Vorbild“ im Leben haben würden. Heute wissen wir aber, dass dies komplett unnötig war und unsere Sorgen überhaupt nicht berechtigt waren. Zusätzlich muss man sagen, dass wir heute in unserem Umfeld 30 Spenderkinder mit lesbischen Eltern unter einem Dach haben, wenn wir uns treffen. Daher gibt es heute reichlich andere Familien, in denen wir und unsere Kinder uns wiedererkennen.
 
Vorab haben wir uns allerdings auch darüber gesorgt, ob unserer Kinder vielleicht gemobbt werden würden, weil sie zwei Mütter und keinen Vater haben. Als wir beschlossen haben Kinder zu bekommen, ist es immer wieder passiert, dass uns Menschen komisch angeschaut haben, wenn wir in der Öffentlichkeit Händchen gehalten haben. Aber diese Sorge war zum Glück auch völlig unberechtigt. Unsere Kinder sind zu keinem Zeitpunkt gemobbt oder geärgert worden, weil sie zwei Mütter haben und genau dieser Punkt sagt viel darüber aus, wie weit unsere Gesellschaft sich (trotz allem) entwickelt hat. Die meisten Menschen, die wir heute treffen, denken nicht darüber danach, dass wir als zwei Frauen Kinder zusammen bekommen haben.
 
Herausforderungen mit unserer Normalisierung
Unsere Kinder können viele Geschichten darüber erzählen, wo ein „Erwachsener“ sie darum bittet bei „Mama und Papa“ ein Schreiben o.Ä. abzugeben und es kann mit der Zeit sehr irritierend für die Kinder werden die ganze Zeit damit konfrontiert zu werden, dass „Mama und Papa“ anscheinend die Norm darstellen.
 
Die Kinder werden oft gefragt, wer denn ihre „richtige Mutter“ sei, und das ist für unsere Kinder wahrscheinlich die größte Herausforderung und die Frage, die sie am meisten verletzt. Keiner von uns ist mehr Mutter als die andere, genauso, wie eine Mutter und ein Vater immer gleichwertige Eltern für ein Kind sein werden.
 
Wie sieht es mit Spendergeschwistern aus?
Unsere älteste Tochter hat über die Jahre mehrmals geäußert, dass sie sich dafür interessiert, wo es in der Welt Halbgeschwister gibt. Dieses Interesse ist immer stärker geworden und das war für mich die Inspiration dazu zusammen mit einer anderen Spendermutter eine Plattform (www.mydonorfamily.com) zu gestalten, wo Spendergeschwister und ihre Eltern miteinander Kontakt aufnehmen können, um zu erfahren, wo in der Welt es Halbgeschwister vom selben Spender gibt.
Positive Entwicklung
Heute kann ich durch die Diers Klinik sehen, wie viel einfacher es für lesbische Paare in Dänemark geworden ist eine Behandlung zu machen und ich bin glücklich darüber, dass wir hier angekommen sind. Als wir vor 7 Jahren unser letztes Kind bekommen haben, war das dänische System bereits angepasst, womit eine Unterschrift von uns beiden vor der Behandlung dafür sorgte, dass wir beide bereits vor der Schwangerschaft als gleichwertige Eltern registriert werden konnten. Damit wurde uns eine Sorge und eine Last von unseren Schultern genommen, die niemand mit sich herumtragen sollte. So wie das System heute funktioniert, können alle Beteiligten sich einfach auf den Nachwusch freuen, sobald der Schwangerschaftstest positiv ist und dann ist es völlig egal, ob die Konstellation Mutter + Vater, Mutter + Mutter, Vater + Vater + Mutter oder nur Mutter darstellt.
 
Ich kann nun auch nur noch darauf hoffen, dass es in Zukunft auch für lesbische Paare in anderen Ländern leichter gestaltet wird eine Familie zu gründen und dass das Ausland sich von dem System in Dänemark inspirieren lässt.
 
Generell ist es mein Erlebnis, dass unserer Familienkonstellation in Dänemark mittlerweile als mehr normal angesehen wird als noch vor 10 Jahren. Und zum Glück ist es auch sehr selten, dass wir Leute treffen, die angespannt darauf reagieren, dass wir als lesbisches Paar eine Familie gegründet haben und einfach ein ganz normales, teilweise langweiliges Familienleben führen.